Blick für das Motiv verbessern – Auge und Objektiv – Teil 1
Das Auge sowie das Objektiv sehen auf ganz verschiedene Weise. Um einen guten Blick für das Motiv zu entwickeln, solltest Du Dir die Unterschiede zwischen dem menschlichen Auge sowie dem Objektiv klarmachen, da in vielen Fällen das die Hauptursache für die bildnerischen Enttäuschungen ist.
Punkt 1:
Das Objektiv ist ein Teil einer Maschine, das Auge Teil eines lebenden und denkenden Menschen. Daher reproduziert das Objektiv mechanisch alles, was sich in seinem Bildfeld befindet, während das vom Gehirn gesteuerte Auge nur die Dinge wahrnimmt, an denen sein Besitzer im Augenblick interessiert ist. Alles andere entgeht seiner Aufmerksamkeit, er sieht es praktisch überhaupt nicht. Anders gesagt: Kamerasehen ist total und objektiv, menschliches Sehen ist selektiv und subjektiv.
Aus diesem Unterschied zwischen Objektiv und Auge erklärt sich auch das Phänomen, dass einerseits die Kamera nicht lügt und die Umgebung 1:1 wiedergibt, andererseits aber das von ihr produzierte Bild, den Fotografen sehr enttäuschen kann. Dieser Widerspruch von Realität und Foto entspricht dem von Tatsache und Vorstellung. Der erste Lernschritt auf dem Wege zum fotografischen Sehen besteht also darin, auf alles zu achten, was im Sehbereich des Objektivs liegt, wie unbedeutend, nebensächlich, weit entfernt oder uninteressant es auch scheint. Denn meistens ist es gerade eines dieser scheinbar bedeutungslose Objekte, das ein Bild verdirbt.
Punkt 2:
Optische Eindrücke bilden nur einen Teil der Informationen, die unser Gehirn ständig aufnimmt und in Begriffe umsetzt. Wenn man zum Beispiel auf Sylt spazieren geht, sieht man Möwen, riecht die gute saubere Meeresluft, schmeckt das Meer, füllt den feinen Sand. Aus all diesen verschiedenen Sinneseindrücken baut unser Gehirn den Begriff Sylt auf. Wenn wir aber versuchen, diesen Begriff im Foto wiederzugeben, können wir nur seine visuellen Bestandteile einfangen. Und bei Schwarzweißaufnahmen entgeht uns sogar noch ein wichtiges Element dieses schon so stark reduzierten Eindrucks, nämlich die Farbe.
Es ist also durchaus nicht verwunderlich, dass viele Fotos so wenig Aussagekraft haben, da ja nur ein Bruchteil des Gesamteindrucks, der uns zu einer Aufnahme anregte, vom Film eingefangen und aufgezeichnet werden kann. Es ist daher wichtig, alle Sinne mit Ausnahme des Gesichtssinns abzuschalten. Erst wenn man sicher ist, dass die visuellen Aspekte eines Motivs zur Darstellung des Wesentlichen an ihm ausreichen, sollte man es fotografieren; andernfalls ist eine Enttäuschung unausbleiblich.
Punkt 3:
Das Auge sieht einen Gegenstand weit stärker im Zusammenhang mit seiner Umgebung als die Kamera. Wenn wir ein bestimmtes Motiv betrachten, bildet es einen Teil einer viel größeren Szenerie. Wir sehen es nicht von einem Rahmen eingefasst, wie z.B. auf einem Foto. So tragen viele Faktoren jenseits der Bildgrenzen zu der Wirkung des Motivs auf uns bei. Ein Foto zeigt dagegen das Motiv ohne seine Umgebung, abgetrennt von allem, was außerhalb des Blickfeldes des Objektivs lag und vielleicht den Eindruck, den das Motiv auf uns machte, wesentlich beeinflusste.
Willst Du solche Enttäuschungen vermeiden, so muss Du lernen, deine Motive auf ihren reinen Eigenwert hin zu prüfen und alles nicht im Blickfeld der Kamera liegende streng außer acht lassen.
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Tags: Blick, Motiv, Objektiv


1 - 24. Juli 2008 at 10:37
Besim
schrieb:
Sehr gutes Fazit!
2 - 24. Juli 2008 at 20:58
Mihau
schrieb:
Danke Besim, es werden noch weitere Beitäge zu diesem Thema folgen.
Gruß
Mihau